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Einleitung

Die Rolle Dimitri Schostakowitschs für die Musikentwicklung des 20. Jahrhunderts ist mittlerweile unbestritten. Als der führende Komponist der ehemaligen Sowjetunion hat sein umfangreiches musikalisches Schaffen einen erheblichen Anteil an der kulturellen Entwicklung in Europa und der Welt in diesem Jahrhundert beigesteuert. Sein musikalisches Werk umfaßt nahezu jede musikalische Gattung, vom Klavierwerk über kammermusikalische Arbeiten und sinfonische Werke bis zu Opern, Balletten und zahlreichen Filmmusiken. Dimitri Schostakowitschs Werk war niemals unumstritten, die Meinungen zu seinen Werken und seiner Person differierten im Laufe seines Lebens sowohl innerhalb seines Landes als auch im westlichen Ausland. Es gab Zeiten, da er als der geniale Neuerer der Musik im Westen gefeiert, in der Sowjetunion verpönt und sanktioniert wurde ebenso wie Zeiten, in denen er als Opportunist im Westen abgelehnt, zu Hause jedoch gefeiert wurde. Die Ambivalenz Schostakowitschs in den Betrachtungen der Öffentlichkeit und der Kritik stellt den Reiz des musikalischen Schaffens Schostakowitschs dar und ist meines Erachtens einer näheren Untersuchung wert. Die Rolle des tief in der Tradition seines Landes verwurzelten Künstlers, der unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen zu leben hat, dem scheinbar die Emigration als Ausweg aus seinem Schaffensdilemma nicht möglich war, wirft zahlreiche Fragen an die Kompromißbereit- schaft des Künstlers gegenüber den Anforderungen des Systems auf, die in dieser Arbeit anhand der musikalischen Gegensätze der Klaviersonaten Schostakowitschs nachgezeichnet werden soll. Schostakowitschs Leben ist geprägt von zahlreichen unterschiedlichen Rezeptionen seiner Arbeiten, seiner Anerkennung in der Öffentlichkeit und der Führung der Sowjetunion. Eine der kritischsten Phasen seines Lebens war die Stalin - Ära, insbesondere die Jahre 1936 bis 1948, in denen er zahlreichen Anfeindungen von offizieller Seite ausgesetzt war. Diese Zeit soll im Schwerpunkt der Arbeit charakterisiert werden. Dazu soll zunächst anhand des Lebenslaufs Schostakowitschs dessen Persönlichkeit herausgearbeitet werden, um im zweiten und dritten Teil auf die gegebenen Machtstrukturen und die Anforderungen, die der sozialistische Staat an die Kulturschaffenden stellte, einzugehen. Hierbei soll insbesondere der "Sozialistische Realismus" als Doktrin, die zunächst ausschließlich die Literatur und die bildenden Künste beeinflußte, dann aber auch auf die Musik übergriff, näher erläutert werden. Im weiteren soll dann anhand der Klaviersonaten Schostakowitschs exemplarisch untersucht werden, inwieweit er sich den gegebenen Umständen anpaßte, ob seine öffentlichen Äußerungen hinsichtlich dieser Doktrin nur "Lippenbekenntnisse" waren oder ob sie tatsächliche Auswirkungen auf seine Kompositionstechniken hatten. Hierfür werde ich die beiden Klaviersonaten Op. 12 und Op. 61 vergleichend analysieren.

Die große Schwierigkeit dabei liegt darin, daß Schostakowitsch gerade in der zu untersuchenden Zeitspanne vor allem sinfonische und filmmusikalische Werke komponierte, sein reines Klavierwerk jedoch recht wenig umfangreich blieb. Deshalb erscheint eine globalere Betrachtung der Entwicklungslinien notwendig, welche aber im Rahmen dieser Arbeit nur die Oberfläche streifen kann, da er alleine drei Sinfonien in dieser Zeit komponierte. Näheren Aufschluß darüber kann sicherlich ein Blick in das Werkeverzeichnis im Anhang bieten, um die enorme Schaffenskraft Schostakowitschs und das Ausmaß seines Werkes zu verdeutlichen. Der Tatsache, das zwischen der Entstehung der ersten und der zweiten Klaviersonate 16 Jahre liegen, die im Schaffen eines jeden Komponisten und Musikers bereits dramatische Entwicklungen mitsichbringen können, soll durch die bereits erwähnte Betrachtung des allgemeinen musikalischen Schaffens Schostakowitschs Rechnung getragen werden.

Für die Recherchen sind einige Vorbemerkungen notwendig. Eines der Bücher, die sich in den Achtziger Jahren großer Beliebtheit bei den Menschen, die sich mit Schostakowitsch befaßten erfreute, war seine "Zeugenaussage". Wie mittlerweile bekannt ist, handelt es sich bei "Zeugenaussage" um eine von Volkow, dem Herausgeber, verfaßte Fälschung, die auf öffentlich zugängliche Artikel einiger sowjetischer Zeitungen zurückgehen. "Of course, the purpose of a fraud is to be believed, and Volkov is no fool. He wrote exactly what the West wanted (...)to hear. But the problem is that nothing in Testimony can be believed unless it is proven elsewhere. So as history it is useless, except as another example of a famous fraud ..."

(Redrick, www, s. u., S. 2, ).

Die Zeugenaussage Schostakowitschs ist also von Volkow als großer Betrug angelegt und kann daher eigentlich nicht als Quelle Verwendung finden. Dennoch wird an einer Stelle auch diese Buch Verwendung finden, da es dennoch sehr anschaulich die Situation Schostakowitschs im Jahre 1936 schildert.

Eine weitere grundlegende Schwierigkeit geht mit den Recherchen innerhalb der neuesten Medien, insbesondere dem Internet, einher. Die umfangreichen Veröffentlichungen zur Person im Internet scheinen mir ausgesprochen wichtig zu sein, jedoch scheint mir die Möglichkeit, derartige Veröffentlichungen zu zitieren hinsichtlich der Kurzlebigkeit der Informationen im Internet fragwürdig. Da ich dennoch nicht auf derartige Informationen Verzichten möchte, werde ich die Quellenangaben im Quellenverzeichnis gesondert aufführen und die Zitate mit dem Kürzel "www" kennzeichenen. Die Systematik folgt dabei weitgehend der üblichen Form nach Autor, Titel, wenn möglich Ort des Erscheinens und Jahr. Zusätzlich wird die Internet-Adresse mit dem kompletten Pfad angegeben und das Datum des letzten "Besuchs" der Home-Page hinzugefügt. Eine Sammlung der Ausdrucke wird zusammengestellt, um einen jederzeitigen Zugriff auf das Quellenmaterial zu ermöglichen.

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