zurück   Inhaltsverzeichnis   weiter

2 Begriffsdefinitionen

Das Thema der Arbeit soll die bereits angedeutete Ambivalenz der Person Schostakowitsch bezüglich der Veränderungen seiner Kompositionstechnik durch Einflüsse des Sowjetregimes näher beleuchten. Der Titel "Oppositioneller oder Opportunist" beschreibt dabei die möglichen Auffassungen, die der Rezipient über Schostakowitsch entwickeln kann. Dennoch ist eine nähere Definition beider Begriffe notwendig. Zu leicht werden Begriffe plakativ verwendet. Neben den bereits genannten Begriffen gehört auch der oft verwendete Begriff des "Dissidenten" zu dieser Gruppe. Erschwerend kommt hinzu, daß alle Betrachtungen Schostakowitschs immer aus zwei Positionen vorgenommen werden müssen, nämlich sowohl aus der Sicht des sowjetischen Systems als auch aus der der kapitalistischen westlichen Welt. Alle drei Begriffe sind zu unterschiedlichen Zeiten in den beiden Wertesystemen unterschiedlich verwendet worden. Um nun für diese Arbeit gültige Definitionen geben zu können, ist aber die Betrachtung aus der mittlerweile stark veränderten Welt zulässig, so daß eine vom westlichen Standpunkt geprägte - also auf die freiheitlich - demokratische Grundauffassung zurückgreifende - Sichtweise der Begriffe Verwendung finden soll. Dennoch wird auch die Sichtweise insbesondere des Opportunistenbegriffs in der Sowjetunion näher dargestellt, um einen Eindruck der gesellschaftlichen Zwänge zu vermitteln.

2.1 Oppositioneller

Die lexikalische Definition von Opposition lautet: "...[zu lat. Oppositio, eigtl. `das Entgegensetzen´], allg.: Gegenüberstellung; Widerstand, Widerspruch. Im polit. Bereich allg. die Gruppen oder Meinungsträger, die der Reg. entgegentreten. O. setzt Gewährleistung von Meinungs-, Presse- und Vereinigungsfreiheit voraus. ... Wo Tendenzen zur Angleichung der (entideologisierten) polit. Programme der Parteien, Tendenzen zum kompromißhaften Aushandeln von Entscheidungen zw. Reg. und O. in kleineren Führungsgremien und Tendenzen zu großen Massen - und Volksparteien erkennbar sind, bildet sich `außerparlamentarische´ O.`(z.B. in Bürgerinitiativen)" (Meyer TL, Bd. 16, S.96). Gerade der letzte Teil dieser Definition ist für eine Betrachtung des Begriffs Opposition/Oppositioneller in der Sowjetunion besonders interessant, da das politische System auf eine von offizieller Seite gesteuerte Gleichschaltung aller politischen Richtungen ausgerichtet war. Die einzige Partei, die in der UdSSR existierte war die KPdSU, also eine Massenpartei. Da außerdem die geforderten Freiheiten, die zur Ausübung einer aktiven Opposition notwendig sind, in der Sowjetunion nicht hinreichend gegeben waren, was nicht zuletzt in der Gleichschaltung begründet lag, kann der Begriff des Oppositionellen hier nur im Sinne des "außerparla- mentarischen" Verwendung finden. Interessant erscheint dabei, das Meyers Taschenlexikon keine Verwendung für den kommunistischen Sprachgebrauch anführt, was für den Begriff "Opportunist" hingegen der Fall ist. Das mir zur Verfügung stehende BI Lexikon nennt unter Opposition als einen Punkt: "...3. Politik parlamentar. od. außerparlamentar. Widerstand gegen eine bürgerl. Regierung; Parlamentspartei, die nicht an der Regierung beteiligt ist." (BI Lexikon, S. 680). Diese Definition zeigt wiederum deutlich, daß es im sozialistischen Sprachgebrauch den Oppositionsbegriff nur in einer bürgerlichen, sprich kapitalistischen Gesellschaft geben konnte.

2.2 Opportunist

"Opportunismus [lat.], allgemein Bez. für eine Haltung, die allein nach Zweckmäßigkeit (oft im Widerspruch zur eigenen Überzeugung bzw. zu eigenen Wert- und Zielvorstellungen) zur Durchsetzung eigener Interessen handeln läßt. - im kommunist. Sprachgebrauch eine Form der Abweichung; eine bürgerl. ideolog. Strömung in der Arbeiterbewegung, die dazu benutzt wird, die Arbeiterbewegung zu spalten und Teile der Arbeiterklasse an das kapitalist. System zu binden...." (Meyer TL, Bd. 16, S.96). Die aus westlicher Sicht zunächst eine Geisteshaltung darstellende Art des Opportunismus, wurde nach der genannten Definition gerade im kommunistischen Sprachgebrauch hoch politisiert und vor allem von ihrer ursprüngliche Bedeutung losgelöst. Statt eine Handlung aus Eigennutz zu bleiben, wurde sie zu einem gesellschaftspolitischen Vorgang stilisiert, der eine Gefahr für das sozialistische System und die Arbeiterklasse barg und eine Handlungsweise meinte, die eher der bereits getroffenen Definition von Opposition entspricht. "Opportunismus: Anpassungspolitik, Prinzipienlosigkeit; in der Arbeiterbewegung Verzicht auf das Endziel, die Errichtung des Sozialismus u. Kommunismus, um Augenblickserfolge zu erzielen; Unterordnung unter die bürgerl. Politik...." (BI Lexikon, S. 680). Unter der Prämisse, daß das sowjetische System als fortschrittlich angesehen wurde, was offiziell selbstverständlich der Fall war, entspracht die Rückorientierung an das bürgerlich - kapitalistische System, welche im offiziellen Sprachgebrauch der UdSSR mit Opportunismus gemeint war, daher eher einer westlichen Vorstellung von reaktionärem Handeln. Aus der Sicht der sowjetischen Offiziellen konnte es in der UdSSR keine Oppositionellen geben, da das System als solches für "wahrhaftig" erachtet wurde, also fehlerfrei war. Eine Opposition zu der als "allgemein richtig" erkannten Doktrin des Kommunismus ( Marxismus/Leninismus) war daher ausgeschlossen, bzw. konnte nur von bürgerlicher Seite aus gegen das System gerichtet sein.

2.3 Dissident

Der Begriff des Dissidenten ist wie folgt zu verstehen: "...[lat.], Getrennte, Andersdenkende. (...) Allg. diejenigen, die von einer offiziellen Meinung abweichen; heute v.a. Bez. für Menschen, die in sozialist. Staaten für die Verwirklichung der Bürger- und Menschenrechte eintreten" (Meyers TL, Bd.5, S.266). Hierbei handelt es sich, bezogen auf die Sowjetunion, um einen bereits stark vom westlichen Denken geprägten Begriff, der in dieser Form für die Arbeit benutzt werden soll. Die Frage, ob Schostakowitsch als Dissident in diesem Sinne bezeichnet werden kann, ist später zu klären. Selbstverständlich konnte der Begriff des Dissidenten im offiziellen Wortschatz der UdSSR keinen Platz finden (er findet sich im übrigen auch nicht im BI Lexikon, das 1983 in der DDR erschien), da auch hier gilt, was bereits über den Oppositionsbegriff gesagt wurde. Niemand konnte außerhalb des Systems stehen, da das System als richtig für die Menschen angesehen wurde. Interessant ist dabei wiederum der Aspekt der Gleichschaltung. Entgegen den Forderungen der französischen Revolution, die die Anerkennung der Menschenrechte forderte, und somit mit den Schlagworten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vor allem die Einhaltung dieser menschlichen Grundrechte vor dem Gesetz forderte, setzte die Partei darauf, daß die individuellen Interessen hinsichtlich Freiheit immer und überall hinter die Interessen der Arbeiterklasse zurückstellen sollten, um so die Klassengesellschaft überwinden zu können. Auch unter diesem Gesichtspunkt konnte der Begriff des Dissidenten nicht im Wortschatz der Sowjetunion auftauchen.

2.4 Zusammenfassung

Die Folgen für die Betrachtung der Begriffe Opportunist, Oppositioneller und Dissident sind für diese Arbeit daher folgende: Der Begriff des Opportunisten wird so verstanden, wie er im westlichen Sprachgebrauch üblich ist, also im Sinne einer Person, die ihre Handlungen, auch wenn sie den eigenen Überzeugungen widersprechen, nach den Anforderungen der Gesellschaft oder des Systems und damit zum eigenen Wohle ausrichtet. Zu berücksichtigen ist dabei, daß in Zitaten aus sowjetischer Literatur oder Literatur aus der DDR die offizielle Lesart des Sozialismus gemeint ist, also eine Umdeutung des Begriffs auf westliches Verständnis durchgeführt werden muß. Diese Umdeutung sollte im Sinne des hier Verwendung findenden Begriffs des Oppositionellen stattfinden, die in dieser Arbeit mit dem Begriff des Dissidenten gleichzusetzen ist und eine aktive Auflehnung gegen die bestehenden politischen Verhältnisse, insbesondere die Freiheits- und Bürgerrechte in der Sowjetunion, beinhaltet.

zurück   Inhaltsverzeichnis   weiter