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ABSCHNITT I: Allgemeiner Teil

1 Die wesentlichen Ereignisse in der Biographie Schostakowitschs

Am 25. September 1906 wurde Dimitri Schostakowitsch in St. Petersburg geboren. Mit neun Jahren erteilte ihm seine Mutter den ersten Klavierunterricht. Er erwies sich als sehr talentiert, hatte eine schnelle Auffassungsgabe hinsichtlich Notenlesen und Umsetzen, sowie das absolute Gehör. Nachdem er erste Kompositionsversuche unternommen hatte, trat er im Jahre 1919 in das Petrograder Konservatorium ein, wo er von Maximilian Steinberg unterrichtet wurde. Der Direktor des Konservatoriums, Alexander Glasunow setzte sich, trotz eines offen zugegebenen Unverständnisses für die Kompositionen Schostakowitschs, für ein Stipendium ein.

Als sein Vater 1922 verstarb, geriet die gesamte Familie in eine finanzielle Notlage, so daß Schostakowitsch von 1923 an gezwungen war, seinen Lebensunterhalt durch die Arbeit als Kinopianist zu verdienen. Unter dieser Tätigkeit litt jedoch sein kompositorisches Schaffen. Eine Tuberkuloseerkrankung zwang ihn zu einer Kur auf der Krim, was der wirtschaftlichen Notlage der Familie nicht dienlich war. Im selben Jahr lernte er das avantgardistische Theater Wsewolod Meyerholds kennen.

Die Bekanntschaft mit Marschall Michail Tuchatschewsky begann im Jahre 1925. Im folgenden Jahr wurden seine erste Sinfonie und seine Klaviersonate Nr.1 uraufgeführt und erfreuten sich beim gebildeten Petersburger Publikum und der Kritik hoher Anerkennung.

1926 lernte er Arnold Schönberg bei den Proben zur Aufführung eines seiner Werke kennen, schrieb seine 2. Sinfonie H-Dur und 1927 traf er Alban Berg. Ein weiteres Jahr später machte er Bekanntschaft mit Arthur Honegger und Paul Hindemith. Schostakowitsch hatte im Alter von zwanzig Jahren also bereits Kontakt zu den bekanntesten Musikern der westlichen Welt, die allesamt für eine moderne, sich zunehmend vom tonalen System lösende Musik standen. Von diesen wurde Schostakowitsch nach seiner Konservatoriumszeit maßgeblich beeinflußt.

In den Jahren bis 1930 schrieb er unter anderem die Filmmusik zu "Das neue Babylon", die Oper "Die Nase" sowie die Dritte Sinfonie Es-Dur. Auch "Das erste Mal", die Ballette "Der Bolzen" und "Das goldene Zeitalter" entstanden in dieser Zeit.

Zwischenzeitlich setzte er sich mit dem Studium der Sinfonien Gustav Mahlers auseinander. Im Jahre 1931 wurde "Die Nase" aus den öffentlichen Spielplänen gestrichen, eine Folge der zunehmenden Einflußnahme des Staates auf das Kulturschaffen in der Sowjetunuion.

Im darauffolgenden Jahr erfolgte die Gleichschaltung der sowjetischen Musikverbände zum "Sowjetischen Komponistenverband" (SK). Auf dem ersten Allunionskongress der Schriftsteller 1934 wurde die Doktrin des sozialistischen Realismus durch deren Vorsitzenden Andrej Schdanow offiziell verkündet. Die Uraufführung seiner Oper "Lady Macbeth von Mzensk" bescherte Schostakowitsch einen großen Triumph. Im selben Jahr heiratete er Nina Wassiljewna Wasar.

1935 begann er die Komposition der Vierten Sinfonie c-Moll, brach die Proben dazu aber ab, nachdem Stalin die Aufführung der "Lady Macbeth von Mzensk" frühzeitig verlassen hatte und in der Folge am 28. Januar 1936 der Artikel "Chaos statt Musik" in der "Prawda" erschien. Seine Tochter Galina wurde noch im selben Jahr geboren, sein Sohn Maxim folgte im Jahre 1938. Die Konsequenzen dieses Artikels für die Komponisten, und insbesondere Schostakowitsch, waren dramatisch, was später noch zu zeigen sein wird.

Am 12. Juni 1937 wurde Marschall Tuchatschewsky im Rahmen der sogenannten "Säuberungen" hingerichtet, Schostakowitsch wurde verhört, aber wieder freigelassen. Er komponierte als Antwort auf die massiven Drohungen seine Fünfte Sinfonie d-Moll.

1938 wurde sein Sohn Maxim geboren, aber auch Meyerholds Theater geschlossen. Dieser wurde 1939 verhaftet. Nachdem er die Sechste Sinfonie abgeschlossen hatte, wandte sich Schostakowitsch der Instrumentation des "Boris Godunow" von Modest Mussorgsky zu, womit er sich klar einer Aufgabe stellte, die der großen russischen Tradition verpflichtet war und somit den Anforderungen des Sozialistischen Realismus dadurch genügen sollte..

Nach der Belagerung Leningrads durch deutsche Truppen am 22. Juni 1941 begann Schostakowitsch mit der Siebten Sinfonie C-Dur, wurde am 1. Oktober nach Kuibyschew evakuiert und beendete die "Leningrader" Sinfonie dort im Dezember. 1943 schrieb Schostakowitsch seine Sinfonie c-Moll Nr. 8, 1944 sein Klaviertrio e-Moll und vollendete die Oper "Rothschilds Geige" des 1941 gefallenen Benjamin Fleischman. Der Mangel an erwarteter Monumentalität in der Neunten Sinfonie enttäuschte Stalin nach den Siegesfeiern des Zweiten Weltkrieges auf dem "Roten Platz". Komponisten wie Sergej Prokofjew, Aram Chatschaturjan, Wano Muradeli und auch Schostakowitsch wurden 1948 wegen westlicher Dekadenz im "Historischen Beschluß" des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) schwer angegriffen. Antizionistische Tendenzen führten dazu, daß der Liederzyklus "Aus Jüdischer Volkspoesie" nicht aufgeführt wurde. Schostakowitsch verlor seinen Posten am Leningrader Konservatorium und geriet dadurch erneut in existentielle Schwierigkeiten. Das Oratorium "Das Lied von den Wäldern" half ihm, zu überleben, da er dafür den Stalinpreis erhielt. Auf Befehl Stalins beteiligte er sich an der Friedenskonferenz internationaler Wissenschaftler und Künstler in New York, mußte aber auf Grund des beginnenden "Kalten Krieges" während der McCarthy - Ära die USA verlassen.

1950 lernte er Hanns Eisler kennen, besuchte zum 200. Todestag Johann Sebastian Bachs Leipzig und komponierte seine 24 Präludien und Fugen für Klavier, Op. 87. Am 5. März 1953 starb Stalin und wurde im September von Nikita Chruschtschow abgelöst. Im Sommer schrieb Schostakowitsch seine Zehnte Sinfonie.

Seine Frau Nina verstarb 1954.

Mit Chruschtschow wurde die "Tauwetter" - Periode in der Sowjetunion eingeleitet, eine Periode, in der eine starke Zurücknahme der staatlichen Sanktionen in allen Bereichen des sowjetischen Lebens einsetzte und auf den gesamten Ostblock übergriff. Dennoch verschärfte sich außenpolitisch die Lage zum "Kalten Krieg". Auf Grund dieser Entwicklung veröffentlichte Schostakowitsch in der Prawda einen Artikel, in dem er die Hoffnung äußerte, daß der 20. Parteitag eine Liberalisierung der Künste mit sich bringen würde.

1957 schrieb er seine Elften Sinfonie "Das Jahr 1905". Auf Grund angeblich falscher Einschätzungen in Teilbereichen nahm im Jahre 1958 das ZK der KPdSU den Beschluß von 1948 teilweise wieder zurück.

Er komponierte 1959 sein Erstes Violinkonzert Es-Dur und 1960 sein Achtes Streichquartett c-moll, daß er den Opfern des Faschismus widmete. "Das Jahr 1917", so der Untertitel seiner Zwölften Sinfonie, schrieb er 1961, dem Jahr, in dem auch seine Vierte Sinfonie von 1936 uraufgeführt wurde.

Schostakowitsch wurde 1962 Deputierter des Obersten Sowjets der UdSSR und heiratete Irina Antonowna Supinskaja. Im selben Jahr erreichte der "Kalte Krieg" in der Kuba - Krise seinen Höhepunkt. Die 13. Sinfonie wurde, trotz anfänglicher Schwierigkeiten der Offiziellen mit Textpassagen, die den sowjetischen Antisemitismus anklagten, uraufgeführt.

1963 folgte die Uraufführung der Überarbeitung der "Lady Macbeth" als "Katerina Ismailowa".

Als 1964 Chruschtschow unter Mithilfe Breschnews abgesetzt wurde, brach eine neue Ära an, die wieder verschärfte staatliche Sanktionen mitsichbrachte. Schostakowitsch lernte den polnischen Komponisten Krysztof Meyer kennen. Die 13. Sinfonie wurde 1966 wieder aufgeführt, nachdem Textpassagen geändert worden waren.

Schostakowitsch erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen, u.a. "Held der Sozialistischen Arbeit", 1966, sowie den "Orden des Großen Silberzeichens der Republik Österreich", 1967. Seine Spätwerke sind u.a. die 14. Sinfonie von 1969, das 13. Streichquartett b-moll von 1970, sowie die 15 Sinfonie A-Dur von 1971 und das 15. Streichquartett es-moll von 1974. Ebenfalls 1974 entstand die Suite nach Gedichten Michelangelos.

Schostakowitsch starb am 9. August 1975 in Moskau.

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